
{"id":119,"date":"2012-11-23T19:00:39","date_gmt":"2012-11-23T17:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.deutsch-kreuz.de\/?p=119"},"modified":"2012-11-23T19:19:58","modified_gmt":"2012-11-23T17:19:58","slug":"auf-wurzelsuche-oder-heimat-ist-mehr-als-ein-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.deutsch-kreuz.de\/?p=119","title":{"rendered":"Auf Wurzelsuche oder: Heimat ist mehr als ein Ort"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\">\n\tZum Treffen der Siebenb&uuml;rger aus Deutsch-Kreuz am 13. Oktober in Dinkelsb&uuml;hl<br \/>\n<\/h3>\n<p align=\"center\">\n\t<em>&bdquo;Die Wurzel versorgt den Pflanzenk&ouml;rper mit Wasser und N&auml;hrsalzen, au&szlig;erdem verankert sie die Pflanze im Boden und wirkt in manchen F&auml;llen auch als Speicherorgan&ldquo;. (<a href=\"http:\/\/www2.vobs.at\/bio\/botanik\/b-wurzel.htm\">http:\/\/www2.vobs.at\/bio\/botanik\/b-wurzel.htm<\/a><\/em><em>)<\/em>\n<\/p>\n<p>\n\t<!--more-->\n<\/p>\n<p>\n\tAls meine Schwester Anna und ich um 16 Uhr die Treppen des Schrannenfestsaals im Herzen Dinkelsb&uuml;hls hinaufgingen und schon die Blasmusik h&ouml;rten, wussten wir nicht so recht, was uns beim Treffen der Siebenb&uuml;rger aus Deutsch-Kreuz erwarten w&uuml;rde. Wir wussten so wenig &uuml;ber unsere Wurzel namens Siebenb&uuml;rgen, diesen Ort, an dem unsere Mutter ihre Jugend verbracht hatte. Auf der Fahrt ins bayerische Kleinst&auml;dtchen Dinkelsb&uuml;hl hatte ich versucht, mir irgendeine historische Tatsache ins Ged&auml;chtnis zu rufen. Wo in Rum&auml;nien lag Siebenb&uuml;rgen eigentlich genau? Wann waren die meisten Deutsch-Kreuzer nach Deutschland gekommen? Wie viele Menschen hatten in Deutsch-Kreuz gelebt? Meine Geschwister und ich waren nie dort gewesen; letztendlich war es nicht unsere Heimat gewesen und die wenigen Erz&auml;hlungen unserer Verwandten, die ich erinnern konnte, waren eben keine eigenen Erinnerungen gewesen. Unser Gro&szlig;vater Tinn war schon lange tot und auch unsere Siebenb&uuml;rger Omama war vor einigen Jahren gestorben. Unsere Wurzel lag jahrelang friedlich unter fester Erde und der einzige Bezug zu Siebenb&uuml;rgen war vor allem kulinarischer Art gewesen: Hanklich und Walnussstollen hatte ich immer geliebt! Deshalb war ich hocherfreut, diesen von Familienfesten altbekannten K&ouml;stlichkeiten auch im Festsaal zu begegnen. Viele Menschen hatten auch andere gebackene Delikatessen mitgebracht, die in Sch&uuml;sseln und auf Tellern auf den Tischen standen und gro&szlig;z&uuml;gig verteilt wurden.\n<\/p>\n<p>\n\tMir fiel auf, dass einige Leute Trachten trugen, die mich ein wenig an bayerische Dirndl erinnerten, jedoch durch einen breiten G&uuml;rtel, Stickereien und Spitze aufw&auml;ndiger wirkten. Trotz Blasmusik und fremden Menschen f&uuml;hlte ich mich auf Anhieb wohl, was sicher daran lag, dass uns alte Bekannte unserer Mutter sowie unsere Tischnachbarn und Verwandten mit der uns von unserer Mutter wohlbekannten herzlichen und offenen &ndash; wohl typisch siebenb&uuml;rgerischen &#8211; Art begegneten. Auch die Sprache war mir wohlbekannt, auch wenn man sich als &bdquo;Nichtsprecherin&ldquo; immer stark konzentrieren muss, wenn man alles verstehen will. Der einzige Satz, den ich auf Siebenb&uuml;rger S&auml;chsisch so einigerma&szlig;en korrekt aussprechen kann, ist: &bdquo;Wat mauchste&ldquo;? Wir &uuml;bten ein wenig, w&auml;hrend wir viel zu viele St&uuml;cke Nussstollen a&szlig;en und am&uuml;sierten uns k&ouml;stlich &uuml;ber unsere Sprechversuche.\n<\/p>\n<p>\n\tNachdem die Musikkapelle zum Abschluss kam, wurde Tanzmusik gespielt. Die Tanz- und Singfreude der Siebenb&uuml;rger war uns durch diverse Familienfeste wohlbekannt (und uns durch unsere Mutter ebenfalls vererbt worden), und auch an diesem Abend gab es bereits beim ersten tanzbaren Lied kein Halten mehr. W&auml;hrend man von anderen Tanzveranstaltungen eher leere Tanzfl&auml;chen und sch&uuml;chterne Tanzversuche am Rande der Fl&auml;che gew&ouml;hnt ist, musste man hier aufpassen, &uuml;berhaupt noch ein freies Pl&auml;tzchen zum Tanzen zu finden. Unsere Mutter sahen wir den ganzen Abend nur noch als blauen Punkt in der Ferne auf der Tanzfl&auml;che und auch uns wurde dank &uuml;berraschend vieler Gespr&auml;chspartner und tanzfreudiger Herren nicht langweilig. Selbst unsere betagte Gro&szlig;tante rockte kr&auml;ftig mit und sp&auml;testens bei der Polon&auml;se st&uuml;rmten alle Tanzw&uuml;tigen die Fl&auml;che.\n<\/p>\n<p>\n\tBesonders beeindruckt hat uns an diesem Abend ein Film, der w&auml;hrend des Abendessens gezeigt wurde. Ein Siebenb&uuml;rger Filmemacher, der erst vor kurzem verstorben ist, hatte Anfang der Achtziger Jahre seine pers&ouml;nlichen Eindr&uuml;cke von seiner Heimat Deutsch-Kreuz per Superacht-Kamera festgehalten und die Deutsch-Kreuzer Traubenernte gefilmt. Ohne Ton, aber mit Vivaldis Musik unterlegt erschienen Bilder von Menschen, die bei einer f&uuml;r sie gewohnten T&auml;tigkeit fast ein wenig verlegen schienen, gefilmt zu werden; auch Menschen, die so versunken in das Pfl&uuml;cken der Trauben waren, dass sie die Kamera nicht bemerkten. An diesem Erntetag war es sonnig gewesen und die Kamera schwenkte &uuml;ber sanfte H&uuml;gel und Wiesen und blieb immer wieder an einzelnen Menschen h&auml;ngen, lachende oder konzentrierte Gesichter, die von den G&auml;sten um uns herum stets kommentiert wurden: &bdquo;Das ist mein Sohn&ldquo; oder &bdquo;Das ist meine Gro&szlig;mutter&ldquo;. Es wurden Szenen gezeigt, die f&uuml;r viele Anwesenden einst zu ihrem eigenen Alltag geh&ouml;rt hatten und die f&uuml;r die Menschen im Film offensichtlich v&ouml;llig selbstverst&auml;ndlich waren. Was uns dabei besonders besch&auml;ftigte war der Gedanke, dass sich viele Siebenb&uuml;rger damals wohl nicht hatten vorstellen konnten, ihre Heimat eines Tages nur noch als Video auf einer Leinwand erleben zu k&ouml;nnen. F&uuml;hlten sich die ehemaligen Deutsch-Kreuzer nicht v&ouml;llig entwurzelt? Doch man sah nirgendwo ein trauriges Gesicht oder Tr&auml;nen angesichts dieser Bilder aus der Vergangenheit, ganz im Gegenteil. Aber vielleicht ist es f&uuml;r die Deutsch-Kreuzer eben so, wie es auch der Pfarrer im Gottesdienst gesagt hatte: Zu Hause ist viel mehr als ein Ort. Das Gef&uuml;hl zu Hause zu sein lebt vor allem von den Menschen, denen du begegnest. Wir hatten auf jeden Fall den Eindruck, dass sich alle Anwesenden (vielleicht auch wir?) an diesem Tag in Dinkelsb&uuml;hl zu Hause f&uuml;hlten.\n<\/p>\n<p>\n\t&nbsp;\n<\/p>\n<p>\n\t<em>Von Anna-Maria und Alexandra Gro&szlig;<\/em>\n<\/p>\n<p>\n\t&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Treffen der Siebenb&uuml;rger aus Deutsch-Kreuz am 13. Oktober in Dinkelsb&uuml;hl &bdquo;Die Wurzel versorgt den Pflanzenk&ouml;rper mit Wasser und N&auml;hrsalzen, au&szlig;erdem verankert sie die Pflanze im Boden und wirkt in manchen F&auml;llen auch als Speicherorgan&ldquo;. 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